Die erste Zeit ist besonders wichtig

Die Frau spürt, wie das Kind in ihrem Bauch wächst, der Mann natürlich nicht. Zu welchen Problemen führt das?

Männer und Frauen machen aufgrund der körperlichen Gegebenheiten sehr unterschiedliche Erfahrungen in den neun Monaten. Deshalb muss das Paar viel miteinander reden, und der Mann sollte mit zum Frauenarzt und zum Geburtsvorbereitungskurs gehen. So erfährt er von Komplikationen und Ängsten der Frau. Dass Männer die Schwangerschaft körperlich nicht miterleben, ist ein Vorurteil. Manche leiden ebenfalls unter Verstimmungen, Appetitlosigkeit und Depressionen. Meist unterdrücken sie diese Symptome.

Warum?
Für die Gesellschaft steht die werdende Mutter im Vordergrund. Männersorgen werden nicht gesehen und erörtert. Beispiel: Geburtsvorbereitungskurse. 95 Prozent sind nur auf Frauen zugeschnitten.

Wie empfindet das der Mann?
Er bekommt signalisiert: "Ich bin nur der Begleiter. Dann kann ich mich auch raushalten." Und schon treten Probleme in der Partnerschaft auf. Gäbe es mehr Kurse, in denen Männer auf ihre Rolle vorbereitet werden, hätten die Familien weniger Schwierigkeiten. Im Väterzentrum bieten wir zum Beispiel einen Start-up-Kurs an.

Was lernen die Männer dort?
Dass sie ihrer Partnerin ihre Gefühle mitteilen sollten. Sie dürfen nicht denken: "Na ja, die Frau hat selbst genug zu reglen." Männer können der Partnerin ruhig zeigen: "Auch ich habe Unsicherheiten." Sonst denkt sie vielleicht, dass der Mann sich keine Gedanken macht. Wir erleben oft, dass dann die Beziehung kippt.

Wie kann sich der werdende Vater noch auf das Baby vorbereiten?
Der Austausch mit erfahrenen Vätern und unter werdenden Vätern hilft oft weiter. Die Männer können sich zum Beispiel im Bekanntenkreis oder im Geburtsvorbereitungskurs umhören. In größeren Städten gibt es häufig Väter-Foren, die Treffen anbieten.

Väter in den Kreißsaal. Was halten Sie davon?
Wir empfehlen Vätern, bei der Geburt dabei zu sein, wenn die werdende Mutter damit einverstanden ist. So können sie der Frau zur Seite stehen. Natürlich ist es ein Erlebnis zu sehen, wie das eigene Kind auf die Welt kommt. Manche Frauen ziehen es jedoch vor, die Mutter oder die beste Freundin mitzunehmen. Das sollte der Mann akzeptieren. Es gibt ja auch Männer, die nicht bei der Geburt dabei sein wollen.

Mutter und Kind haben durch das Stillen eine innige Beziehung. Brauchen Väter länger, um eine Bindung aufzubauen?
Ja. Deshalb ist es ganz wichtig, dass sie sich viel Zeit nehmen. Je mehr Zeit der Vater nach der Geburt für Frau und Baby investiert, desto besser geht es der Familie in den nächsten Jahren. Wesentlich ist aber auch: Die Mutter muss abgeben können. Studien belegen, dass der Vater gern Verantwortung übernimmt, wenn die Frau es zulässt. Kümmert sie sich aber nur um das Baby, kann der Mann keinen Kontakt zu ihm aufnehmen und keine Bindung aufbauen.

Wie lange sollte der Vater nach der Geburt des Kindes zu Hause bleiben?
Mindestens zwei, wenn nicht vier Wochen. So kann er intensiv die erste Zeit mit dem Baby genießen und seine Partnerin unterstützen. 70 bis 80 Prozent der Mütter sind in den ersten Wochen überfordert, weil die Lebensumstellung so radikal ist. Außerdem ist bekannt, dass Frauen, die unter Depressionen nach der Geburt leiden, oft mit Männern zusammen sind, die wenig Zeit für die Familie haben. Das Elterngeld, das es ab Januar geben soll, bietet die wunderbare Möglichkeit, dass der Vater eine längere Auszeit nehmen kann. Ideal ist natürlich, wenn er nach diesen Wochen seine Arbeitszeit auf 80 oder 90 Prozent reduziert, um mehr Zeit für Frau und Kind zu haben.

Wo lauern sonst noch Gefahren für das junge Familienglück?
Viele vermissen den Raum für Zweisamkeit und Sexualität. 70 bis 80 Prozent der Paare sind nach der Geburt unzufrieden mit ihrer Partnerschaft. Interessant: Beginnt der Vater mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen, sodass sich die Mutter mal zurückziehen kann, nimmt die Zufriedenheit zu. Eltern sollten sich ein soziales Netz aufbauen: Auch die Freundin oder ein Babysitter können ab und zu aufs Baby aufpassen.

Wie groß ist der Einfluss der Väter auf die Erziehung?
Sehr groß. Und wenn Väter das wüssten, würden sie sich mehr engagieren. 50 Prozent dessen, was die Erziehung ausmacht, sollte von ihnen ausgehen. Väter müssen auch alleine Zeit mit den Kindern verbringen. Wenn das Kind größer ist, sollte der Vater einmal im Jahr eine Reise mit ihm unternehmen. So entsteht eine intensivere Bindung. Arbeitet der Vater unter der Woche, kann er die Zeit mit dem Kind am Wochenende nachholen. Es kommt nicht auf die Dauer, sondern auf die Qualität des Zusammenseins an. Auch ein Mann, der 50 Wochenstunden arbeitet, kann ein guter Vater sein. Toll ist, wenn er flexible Arbeitszeiten hat, sodass er zum Beispiel einen Nachmittag freihalten kann. Die Stunden mit Papa werden so zum festen Ritual.

Warum ist eine gute Bindung zum Vater so entscheidnd für das Kind?
Je früher er die Bindung zum Baby aufbaut, desto leichter fällt es dem Nachwuchs später als Erwachsenem, sich zu binden.

Ein guter Vater sein und Vollzeit arbeiten. Zu welchen Problemen führt das?
Jeder dritte Vater zeigt zwei Jahre nach der Gebrut eines Kindes ein Burn-out-Syndrom. Die Doppelbelastung ist oft enorm. Bei 52 Prozent der Paare arbeitet der Mann Vollzeit, die Frau ist nicht erwerbstätig. Diese Konstellation wünschen sich aber nur 5,7 Prozent. Das heißt: Die Paare sind unzufrieden. Es gibt ein hohes Konfliktpotenzial, das mittelfristig zu Trennungen führt.

Wie sieht Ihr Modell aus?
Meine Frau und ich arbeiten jeweils 30 Stunden die Woche. Wir teilen das Geldverdienen, die Hausarbeit und die Zeit mit unseren Töchtern, die zwei und sechs ahre alt sind. Für uns ist das optimal.

Was macht Männer aus, die mit Leib und Seele die Vaterrolle übernehmen?
Engagierte Väter sind viel glücklicher in ihrem Leben. Sie haben auch eine wesentlich niedrigere Scheidungsquote als Männer, die das traditionelle Modell wählen.

Quelle: Fachzeitschrift "BABY" (Ausgabe 10/2006)


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